Wenn wir niemandem mehr glauben, woher wissen wir dann, was für uns stimmt?
Wir leben in einer Zeit, in der wir theoretisch alles überprüfen können. Wir können nachlesen, vergleichen, Gegenpositionen suchen, Experten folgen, Kommentare lesen, Videos anschauen und uns innerhalb von Minuten in jedes Thema hineinziehen lassen. Eigentlich müsste uns das sicherer machen. Eigentlich müssten wir heute besser informiert sein als je zuvor.
Und trotzdem passiert etwas Merkwürdiges: Je mehr Informationen wir haben, desto schwerer scheint es manchmal zu werden, zu wissen, wem wir eigentlich noch glauben können.
Genau an diesem Punkt setzt Aladin El Mafaalani in seinem Buch Misstrauensgemeinschaften an. Einer seiner zentralen Gedanken ist, dass nicht einfach plötzlich alle Menschen misstrauischer geworden sind, sondern dass misstrauische Menschen heute viel leichter andere misstrauische Menschen finden.
Das klingt zunächst banal, ist es aber nicht. Denn dadurch verändert sich etwas ganz Grundsätzliches.
Menschen müssen noch nicht einmal dasselbe glauben, um sich verbunden zu fühlen. Es reicht oft schon, dass sie denselben Institutionen, denselben Medien, derselben Politik oder derselben Wissenschaft misstrauen. Genau daraus entsteht Gemeinschaft.
Was Menschen verbindet, muss nicht dieselbe Wahrheit sein
Das Spannende daran ist, dass diese Menschen sich gar nicht in allem einig sein müssen. Der eine glaubt das eine, die andere etwas völlig anderes, manche widersprechen sich sogar und unterstützen sich trotzdem gegenseitig.
Warum?
Weil sie etwas anderes verbindet.
Das gemeinsame Misstrauen gegenüber denen da draußen.
Wir glauben vielleicht nicht dasselbe, aber wir glauben denselben Leuten nicht. Und plötzlich entsteht daraus Zugehörigkeit.
Das ist vielleicht einer der Punkte, die wir bei Social Media oft unterschätzen. Natürlich geht es dort um Algorithmen, Reichweite und Aufmerksamkeit, aber es geht eben auch darum, dass Menschen plötzlich nicht mehr allein mit ihrem Zweifel sind.
Wer früher gedacht hat, dass irgendetwas nicht stimmt, saß damit vielleicht eher für sich. Heute dauert es wenige Minuten, bis man Hunderte oder Tausende andere findet, die genau dieses Gefühl teilen.
Und das verändert etwas.
Aus Zweifel kann Gemeinschaft werden. Aus Rückzug kann Aktivität werden. Aus dem Gefühl, keinen Einfluss zu haben, entsteht plötzlich Selbstwirksamkeit.
El Mafaalani beschreibt, dass Menschen, die vorher eher zurückgezogen oder resigniert waren, durch diese Vernetzung plötzlich sehr aktiv werden können.
Wenn Wiederholung sich wie Wahrheit anfühlt
Damit passiert noch etwas anderes.
Was wir oft sehen, fühlt sich irgendwann normal an. Was viele Menschen teilen, fühlt sich relevant an. Was uns immer wieder begegnet, fühlt sich wahr an.
Dabei sind Sichtbarkeit, Wiederholung und Wahrheit drei völlig unterschiedliche Dinge.
Und vielleicht liegt genau darin ein Teil unseres heutigen Orientierungsproblems.
Wir sehen nicht einfach nur Informationen. Wir sehen Informationen eingebettet in Reaktionen, Zustimmung, Empörung, Kommentare und Wiederholungen.
Dadurch entsteht schnell das Gefühl, dass etwas groß sein muss, weil es uns oft begegnet, oder wahr sein muss, weil viele es bestätigen.
Aber genau das ist nicht dasselbe.
Misstrauen ist nicht automatisch schlecht
Misstrauen an sich ist nicht schlecht. Ganz im Gegenteil.
Wir brauchen Misstrauen.
Wir sollten nicht alles glauben, nur weil es offiziell klingt. Wir sollten prüfen, nachfragen und Widersprüche ernst nehmen. Eine Gesellschaft, in der niemand irgendetwas hinterfragt, wäre genauso problematisch wie eine Gesellschaft, in der niemand mehr irgendwem glaubt.
El Mafaalani greift dazu einen Gedanken von Niklas Luhmann auf: Vertrauen reduziert Komplexität.
Wenn wir jemandem vertrauen, müssen wir nicht ständig kontrollieren. Wir müssen nicht jedes Detail selbst überprüfen und auch nicht alles wissen. Genau deshalb ist Vertrauen so wichtig. Es spart Kraft.
Interessanterweise kann aber auch Misstrauen Komplexität reduzieren.
Wenn wir irgendwann entschieden haben, dass wir einer bestimmten Quelle grundsätzlich nicht glauben, dann müssen wir uns mit ihren Informationen ebenfalls nicht mehr ernsthaft auseinandersetzen. Das Urteil steht bereits.
Und genau da wird es spannend.
Das anstrengende Dazwischen
Zwischen Vertrauen und Misstrauen gibt es diesen großen Zwischenraum, in dem wir weder das eine noch das andere wirklich können.
Wir wissen nicht, ob etwas stimmt, wir wissen aber auch nicht, ob wir es ablehnen sollen.
Also beginnen wir zu prüfen, zu vergleichen, zu recherchieren und nach weiteren Informationen zu suchen.
Und genau dieser Zustand ist laut El Mafaalani besonders anstrengend.
Vielleicht kennen wir alle dieses Gefühl inzwischen ziemlich gut.
Wir lesen etwas und denken, dass es plausibel klingt. Dann stoßen wir auf die Gegenposition und merken, dass die genauso plausibel klingt. Dann kommt jemand, der erklärt, warum beide Seiten falsch liegen. Dann lesen wir noch Kommentare, einen Faktencheck und vielleicht noch einen Beitrag darüber, warum genau dieser Faktencheck angeblich problematisch ist.
Irgendwann haben wir nicht das Gefühl, besser informiert zu sein, sondern eher, dass wir weniger wissen als vorher.
Das Problem ist dann nicht mehr, dass wir zu wenig Information haben.
Das Problem ist, dass wir nicht mehr wissen, welcher Information wir Bedeutung geben sollen.
Und genau hier beginnt Orientierung.
Brauchen wir wirklich unsere eigene Wahrheit?
Wir sprechen gerne von der eigenen Wahrheit.
Mit diesem Begriff sollten wir vorsichtig sein.
Denn nur weil wir etwas glauben, wird es nicht wahr. Nur weil sich etwas für uns richtig anfühlt, ist es noch kein Fakt. Und nur weil hundert Menschen unter einem Video schreiben „Genau so ist es“, ist die Sache nicht bewiesen.
Vielleicht brauchen wir deshalb gar nicht unsere eigene Wahrheit.
Vielleicht brauchen wir etwas anderes.
Einen eigenen Standpunkt.
Das klingt ähnlich, ist aber etwas völlig anderes.
Ein Standpunkt sagt nicht: So ist die Welt.
Ein Standpunkt sagt eher: So sehe ich sie gerade auf Basis dessen, was ich weiß.
Und dieses kleine Wort gerade ist dabei entscheidend, weil es bedeutet, dass sich ein Standpunkt verändern darf.
Wir dürfen etwas Neues erfahren. Wir dürfen merken, dass wir uns geirrt haben. Wir dürfen unsere Meinung ändern, ohne das Gefühl zu haben, dass wir damit uns selbst verlieren.
Selbstgewissheit bedeutet nicht, dass wir recht haben
Genau da kommt Selbstgewissheit ins Spiel.
Selbstgewissheit bedeutet nicht, dass wir sicher sind, recht zu haben.
Es bedeutet vielmehr, dass wir wissen, wo wir stehen und warum.
Wir wissen, welche Informationen wir haben. Wir merken, wo wir etwas annehmen oder interpretieren. Wir kennen unsere Werte und wir können auch akzeptieren, dass wir manche Dinge nicht wissen.
Das klingt zunächst vielleicht weniger stark als absolute Gewissheit, aber eigentlich ist es genau andersherum.
Wer selbstgewiss ist, muss nicht so tun, als wüsste er alles.
Wir können sagen, dass wir etwas nicht wissen. Wir können jemandem zuhören, ohne sofort dessen Meinung übernehmen zu müssen. Wir können widersprechen, ohne den anderen zum Feind zu machen, und wir können unsere Position verändern, ohne das Gefühl zu haben, dadurch unglaubwürdig zu werden.
Die bequemste Abkürzung ist manchmal die radikalste
Vielleicht liegt genau darin eine der größten Herausforderungen unserer Zeit, denn sowohl blindes Vertrauen als auch pauschales Misstrauen sind auf eine bestimmte Art bequem.
Wenn wir alles glauben, müssen wir nicht prüfen.
Wenn wir niemandem glauben, müssen wir ebenfalls nicht mehr prüfen.
Beide Haltungen ersparen uns dieses anstrengende Dazwischen, in dem wir unterscheiden, abwägen und Unsicherheit aushalten müssen.
Und genau deshalb ist pauschales Misstrauen nicht automatisch kritisch. Es kann genauso zu einer Abkürzung werden wie blindes Vertrauen.
Wenn wir sagen, dass die Medien sowieso lügen, die Politik sowieso nur eigene Interessen verfolgt oder die Wissenschaft sowieso gekauft ist, dann fühlt sich das vielleicht kritisch an, aber eigentlich haben wir die Prüfung an diesem Punkt schon beendet.
Viel schwieriger ist es, bei jeder Frage neu hinzuschauen.
Welche Quelle ist das? Wer sagt das? Auf welcher Grundlage? Was ist belegt und was ist Meinung? Was davon passt vielleicht nur deshalb so gut zu uns, weil wir es ohnehin schon glauben wollten?
Woher wissen wir also, ob wir selbst richtig liegen?
Die unbequeme Antwort lautet wahrscheinlich, dass wir es manchmal einfach nicht wissen können.
Wir können recherchieren. Wir können Quellen vergleichen. Wir können Menschen fragen, die mehr wissen als wir. Wir können Argumente prüfen und uns verschiedene Perspektiven anhören.
Aber irgendwann kommen wir an einen Punkt, an dem uns niemand eine Garantie geben kann.
Vielleicht beginnt genau dort Verantwortung.
Dann geht es nicht mehr darum, hundertprozentige Sicherheit zu bekommen, sondern darum, uns ehrlich zu fragen, was wir tatsächlich wissen, was wir nur annehmen, was eine Information mit uns macht und welche Entscheidung wir auf dieser Grundlage verantworten können.
Dabei helfen vielleicht vier Fragen:
Was wissen wir tatsächlich?
Nicht, was wir schon zehnmal gelesen haben, sondern was wirklich belegt ist.
Was nehmen wir an?
Wo haben wir aus einzelnen Informationen bereits unsere eigene Geschichte gebaut?
Was macht diese Information mit uns?
Bestätigt sie etwas, das wir ohnehin glauben? Macht sie uns Angst? Macht sie uns wütend? Gibt sie uns vielleicht genau die Erklärung, nach der wir schon lange gesucht haben?
Was entscheiden wir daraus?
Nicht mit der Erwartung, hundertprozentig richtigzuliegen, sondern mit der Frage, ob wir diese Entscheidung auf Basis dessen, was wir heute wissen, verantworten können.
Und ob wir bereit sind, sie morgen zu verändern, wenn wir etwas Neues erkennen.
Vielleicht ist genau das der NOTAUSGANG
Nicht der Ausgang aus einer Welt, die kompliziert geworden ist.
Auch nicht der Ausgang aus Social Media.
Und schon gar nicht der Versuch, irgendwann nur noch den richtigen Menschen zu folgen.
Vielleicht ist der NOTAUSGANG etwas viel Einfacheres.
Für einen Moment raus aus dem Rauschen.
Raus aus dem Reflex, sofort eine Meinung haben zu müssen.
Raus aus dem Bedürfnis, sofort dafür oder dagegen zu sein.
Und stattdessen die Frage:
Wo stehen wir eigentlich gerade selbst?
Nicht unsere Timeline. Nicht unsere Bubble. Nicht die Menschen, denen wir gerne zuhören.
Wir selbst.
Und zwar nicht auf der Suche nach irgendeiner unfehlbaren inneren Wahrheit, sondern nach einem Standpunkt, der stabil genug ist, um von dort aus weiterzugehen, und gleichzeitig beweglich genug, um sich verändern zu dürfen.
El Mafaalani richtet den Blick am Ende seines Vortrags übrigens nicht nur auf Menschen, deren Misstrauen längst fest geworden ist.
Er spricht auch über all jene, die noch nicht grundsätzlich misstrauen, aber eben auch nicht mehr selbstverständlich vertrauen.
Genau diese Menschen befinden sich in diesem anstrengenden Dazwischen, in dem sie mehr prüfen, mehr vergleichen und mehr nachdenken müssen.
Vielleicht entscheidet sich genau dort etwas.
Nicht nur gesellschaftlich, sondern auch bei jedem von uns.
Denn wenn wir unsere Orientierung verlieren, wird jeder attraktiv, der uns Gewissheit verspricht.
Wenn wir dagegen wissen, wo wir selbst stehen, brauchen wir weniger jemanden, der uns erklärt, wie die Welt angeblich wirklich ist.
Dann dürfen wir zuhören, vertrauen, misstrauen, zweifeln, uns korrigieren und trotzdem entscheiden.
Vielleicht ist genau das Selbstgewissheit.
Nicht zu wissen, dass wir recht haben, sondern zu wissen, warum wir gerade dort stehen, wo wir stehen, und offen genug zu bleiben, uns zu bewegen, wenn wir etwas Neues erkennen.
Zwischen all den Stimmen gibt es noch unsere eigene. Nicht als letzte Wahrheit, sondern als Standpunkt und als Verantwortung dafür, was wir daraus machen.
